Durchführung unnötiger Behandlungen aus wirtschaftlichen Gründen

Wie in der Einleitung beschrieben (https://solimedbremen.org/kampagne-keine-profite-mit-meiner-gesundheit/einfuhrung-ins-thema/), ist das derzeitige Krankenhaussystem so strukturiert, dass nicht die realen Kosten vergütet werden, sondern pro Behandlung eine zuvor festgelegte Pauschale gezahlt wird – hierdurch kann mit bestimmten Behandlungen Gewinn erwirtschaftet werden während andere Behandlungen nur unzureichend gegenfinanziert sind (Braun 2019; Bündnis Krankenhaus statt Fabrik 2019; Naegler & Wehkamp 2018; Simon 2019a). Das Fallpauschalensystem bietet durch seine unterschiedlich veranschlagten Vergütungen Anreize, Behandlungen auf Grund von wirtschaftlichen Gesichtspunkten (bspw. weil sie besonders gut vergütet sind und ein Gewinn erwirtschaftet werden kann) auszuführen und nicht ausschließlich, weil sie medizinisch notwendig waren. So werden zum Beispiel invasive Prozeduren, wie Operationen, in der Regel wesentlich höher vergütet als konservative Behandlungen. Patient*innen werden zu operativen Eingriffen beraten, ohne dass konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind (Sachverständigenrat für Gesundheit 2019, Beske 2016, Flintrop 2006, Geraedts 2019). Ein verdeutlichendes Bespiel sind Amputationen bei einem diabetischen Fußsyndrom. Patient*innen wird aufgrund des Kostendrucks eher zur Amputation geraten, auch wenn eine konservative Behandlung möglich ist. Konservative Behandlungen sind jedoch unter anderem sehr langwierig und durch regelmäßige Wundkontrollen und Verbandswechsel mit hohem personellem Aufwand verbunden. Dieser Aufwand ist in der DRG-Bezahlung meist nicht kostendeckend abgebildet, sodass das Krankenhaus Gefahr laufen würde, mit dieser Form der Behandlung einen finanziellen Verlust zu erleiden.

Auch in anderen operativen Bereichen kommt es zu einer relevanten Anzahl an nicht notwendigen Behandlungen. So stieg nach Einführung des DRG-Systems in Deutschland die Anzahl der Wirbelsäulenoperationen, im Zeitraum 2005 bis 2010 um 118% (Krankenhaus statt Fabrik 2019). Auch die Anzahl der implantierten Hüftgelenke ist in diesem Zeitraum stark angestiegen. Hier belegt Deutschland einen der vordersten Plätze im Ländervergleich der OECD Länder ohne, dass es hierfür medizinische Gründe gibt (Sachverständigenrat für Gesundheit 2018). Die Anstiege der Operationszahlen in Abhängigkeit von der Vergütung sind Hinweise darauf, dass in den Krankenhäusern im Rahmen des Kostendrucks nicht notwendige Behandlungen durchgeführt werden, die die Patient*innen unnötigen Risiken aussetzen. 

Auch auf die Liegedauer im Krankenhaus wird durch das Finanzierungssystem beeinflusst. Generell hat das Krankenhaus, um noch mehr Gewinn aus der Behandlung eine*r Patient*in zu ziehen, ein großes Interesse daran, die Dauer eines Krankenhausaufenthalts so nah wie möglich an den DRG-Vorgaben auszurichten. Pro Behandlungsfall wird eine bestimmte Liegedauer veranschlagt und von den Krankenkassen bezahlt. Ist diese Liegezeit in Reichweite, werden die Ärzt*innen angehalten, die Patient*innen zu entlassen – unabhängig vom Heilungsprozess. In anderen Bereichen ist die Verlängerung lukrativer, wie z.B. bei der Beatmung auf den Intensivstationen. Es gibt immer wieder verschiedene Hinweise darauf, dass Beatmungstage auf den Intensivstationen entsprechend der DRG-Bezahlungstageeinheiten verlängert werden, obwohl jeder zusätzliche Tag bekanntermaßen der Gesundheit der betroffenen Person schaden kann.

Literatur:

Beske, F. (2016): Perspektiven des Gesundheitswesens: Geregelte Gesundheitsversorgung im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft, Springer Verlag.

Flintrop, J. (2006): Auswirkungen der DRG-Einführung: Die ökonomische Logik wird zum Maß der Dinge, Dtsch Arztebl 103(46): 3082 – 3085.

Sachverständigenrat zur Begutachtung und Entwicklung im Gesundheitswesen (2018): Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung. Verfügbar unter: https://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/Gutachten/Gutachten_2018/Gutachten_2018.pdf [19.09.2021].

Naegler, H. & Wehkamp, K. H. (2018). Medizin zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung. Krankenhausärzte und Geschäftsführer im Interview. Berlin: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

Osterloh, F. (2016). Krankenhäuser: Wenn Grundsatz auf Versorgung trifft. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/180814/Krankenhaeuser-Wenn-Grundsatz-auf-Versorgung-trifft (22.08.2021).

Simon, M. (2019a). Das deutsche DRG-System: Vorgeschichte und Entwicklung seit seiner Einführung. In A. Dieterich, B. Braun, T. Gerlinger & M. Simon (Hrsg.), Geld im Krankenhaus. Eine kritische Bestandsaufnahme des DRG-Systems (S. 3-29). Wiesbaden: Springer VS.

Bündnis Krankenhaus statt Fabrik (2019): Fakten und Argumente zum DRG-System und gegen die Kommerzialisierung der Krankenhäuser. Verfügbar unter: https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/196 [15.08.2021].

Braun, B. (2019). Das Innenleben des Krankenhauses – zwischen Bedarfsorientierung, Überversorgung, Personalmangel, professionellen Logiken und Strukturdefiziten. In A. Dieterich, B. Braun, T. Gerlinger & M. Simon (Hrsg.), Geld im Krankenhaus. Eine kritische Bestandsaufnahme des DRG-Systems (S. 69-105). Wiesbaden: Springer VS.

Geraedts, M. (2019). Qualität trotz oder wegen der DRG? In A. Dieterich, B. Braun, T. Gerlinger & M.  Simon (Hrsg.), Geld im Krankenhaus. Eine kritische Bestandsauf nahme des DRG-Systems (S. 253-272 ). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

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